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Wege aus der demografischen Falle

Interview mit Barbara Ischinger, Bildungsdirektorin der OECD.

Die Deutschen standen im internationalen Vergleich lange als Weiterbildungsmuffel da. Das hat sich geändert. Trotzdem muss sich in Fragen der beruflichen Weiterbildung noch Entscheidendes tun, ist Barbara Ischinger von der OECD überzeugt. Wir sprachen mit ihr über lebenslanges Lernen und darüber, wo Deutschland beim Thema berufliche Weiterbildung steht. Die Expertin appelliert besonders an die Arbeitgeber.

Frau Ischinger, in einer OECD-Studie von 2009 hieß es, dass Erwerbstätige in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern seltener an beruflichen Weiterbildungen teilnehmen. Müssen wir uns immer noch Sorgen machen, international den Zug zu verpassen?

Nein. Damals lagen uns noch keine umfassenden und vergleichbaren Daten über alle Weiterbildungsformen vor. In einer aktuellen Studie kommen wir zu dem Schluss, dass Deutschland über dem Durchschnitt liegt, was die formelle und informelle berufliche Weiterbildung angeht. Länder wie Australien, Frankreich, Österreich und Korea haben deutlich geringere Werte.

Das heißt, das Bild des deutschen Weiterbildungsmuffels ist nicht mehr zeitgemäß?

Das ist es nicht, nein. Es herrscht in Deutschland eindeutig Bildungshunger. Generell gibt es in Deutschland jedoch noch Gruppen, die nicht genug in die Arbeitswelt mit einbezogen werden. Dazu gehören neben den älteren Arbeitnehmern gerade auch Frauen und Migranten. Das sind Potenziale, die Deutschland noch stärker nutzen kann – auch in der beruflichen Weiterbildung. Zudem findet die Weiterbildung in Deutschland etwa im Gegensatz zu unseren skandinavischen Nachbarn Finnland und Schweden eher außerhalb der Universitäten statt. Hochschulen in Deutschland schöpfen ihre Möglichkeiten noch zu wenig aus, zum Beispiel auch ältere Studierende anzusprechen.

Was macht die berufliche Weiterbildung aus Ihrer Sicht so wichtig? Immerhin ist Deutschland bislang wirtschaftlich sehr erfolgreich.

Die Wirtschaftswelt befindet sich in einem stetigen Wandel. Und die Geschwindigkeit nimmt weiter zu. Deutschland agiert wirtschaftlich international. Das heißt, dass sich die Anforderungen an Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer permanent ändern werden. Berufsbilder, die wir heute noch gar nicht kennen, entstehen neu, andere verschwinden. Wir müssen also lernen, mit unseren einmal gelernten Kompetenzen flexibel zu bleiben, neue Wege zu suchen, kreativ zu sein. Heute kommt keiner mehr daran vorbei, sich lebenslang weiterzubilden. Das betrifft nicht nur die jungen
Menschen.

Länder wie Spanien oder Griechenland leiden unter einer enormen Jugendarbeitslosigkeit. In Deutschland ist das nicht so. Was hat Deutschland richtig gemacht?

Wir stellen fest, dass die Systeme in Ländern, in denen es einen festen Dialog zwischen Bildung und Berufswelt gibt, krisenfester sind. Das ist in Deutschland der Fall. In Ländern wie Spanien oder Griechenland mangelt es an solchen Verbindungen.

Um den Fachkräftemangel auszugleichen, wird das aber sicher nicht reichen. Müssen die wenigen Fachkräfte in Zukunft auch mehr können, um das Defizit auszugleichen?

Ja, das müssen sie. Neben der Ausbildung ist deshalb die berufliche Weiterbildung für Deutschland unverzichtbar, um auf dem globalen Markt zu bestehen.

Die Bundesregierung stellt eine ganze Reihe von Fördermaßnahmen und Unterstützungsangeboten zur Verfügung wie zum Beispiel das Meister-BAföG, das Aufstiegsstipendium oder die Bildungsprämie. Muss berufliche Weiterbildung in Deutschland noch attraktiver gemacht werden?

Derzeit ist die Attraktivität der beruflichen Aus- und Weiterbildung in Deutschland auf sehr hohem Niveau. Dort sehen wir im Moment kein Defizit im globalen Vergleich. Die erwähnten Unterstützungsangebote leisten da sicher einen wichtigen Beitrag.

Was wäre mit Blick auf die berufliche Weiterbildung aus Ihrer Sicht die dringlichste Handlungsempfehlung für Deutschland?

Gut wäre es, wenn auch die Arbeitgeber noch weiter im Bereich Weiterbildung investieren und die Arbeitnehmer darin mehr unterstützen. Dafür ist es auch wichtig, dass die staatlichen Förderinstrumente bekannter werden und sich alle Akteure stärker vernetzen. Wenn es Deutschland gelingt, die Menschen dauerhaft für Bildung und Weiterbildung zu begeistern, dann ist das eine gute Sicherung für die Zukunft oder wie Sie es nennen: Energie für unser aller wirtschaftlichen Erfolg.

QUELLE: BMBF


(23.09.2012, prh)

 

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