Veränderungen durch Weiterbildung - nur eine Illusion?
Fort- und Weiterbildungen gelten als Königsweg der Professionalisierung – neues Wissen soll früher oder später zu verändertem Handeln führen. Genau diese Annahme stellt Daniela Lotzen in ihrem Newsletter »Deutsch mal anders«infrage und liefert damit eine Erklärung, die über Motivation und Skills von Lehrpersonen weit hinausreicht.
Die These: Verstehen ist nicht Handeln
Lotzen argumentiert, dass zwischen dem Verstehen einer Idee und ihrer Umsetzung im Berufsalltag ein Raum liege, der in Bildungsdebatten regelmäßig unterschätzt werde. Wenn dann Veränderung ausbleibe, würden die Ursachen vorschnell bei den Teilnehmenden gesucht – bei mangelnder Motivation oder Offenheit. Diese Erklärung, so Lotzen, greife jedoch zu kurz.
Unterricht als komplexes System
Als Beleg dient das ATLAS-Modell der Pädagogischen Hochschule Bern, das Unterricht nicht allein als didaktischen, sondern als biologisch-sozialen Prozess begreift. Chronischer Stress verenge Handlungsspielräume gerade dann, wenn Flexibilität am nötigsten wäre. Wissen bleibe damit im entscheidenden Moment oft schlicht nicht verfügbar.
Widerstand als Signal, nicht als Hindernis
Bemerkenswert ist Lotzens Umdeutung von Skepsis gegenüber neuen Konzepten: Diese sei kein Zeichen mangelnder Offenheit, sondern Ausdruck eines Abgleichs mit gewachsener Erfahrung. Daraus leitet sie ab, dass nachhaltige Professionalisierung Reflexionsräume brauche statt reiner Wissensvermittlung.
Resümee
Der Text überzeugt durch seine klare Argumentationslinie und den Rückgriff auf ein wissenschaftliches Modell, bleibt an einigen Stellen aber essayistisch grundsätzlich statt empirisch belegt.
Konkrete Studien oder Zahlen zur Wirksamkeit von Weiterbildungen sucht man vergebens; Lotzen argumentiert vor allem aus der Beobachtung heraus, nicht aus systematischer Forschung. Das schmälert die Plausibilität ihrer Thesen kaum, macht den Beitrag aber eher zu einem Denkanstoß als zu einer belastbaren Analyse.
Gerade darin liegt jedoch auch seine Stärke: Wer sich mit der Wirksamkeit von Weiterbildungen beschäftigt, findet hier einen anregenden Perspektivwechsel – weg von der Frage, was vermittelt wird, hin zur Frage, unter welchen Bedingungen Wissen im Alltag abrufbar bleibt.
Für Bildungseinrichtungen, die Weiterbildungsformate weiterentwickeln wollen, liefert der Text damit weniger fertige Antworten als einen produktiven Ausgangspunkt für die eigene Praxisreflexion.
Daniela Lotzen, Newsletter »Deutsch mal anders«, Beitrag: »Fortbildungen und die Illusion der Veränderung«
In aller Kürze
Daniela Lotzen erklärt, warum Weiterbildungen selten Praxis verändern: Nicht fehlendes Wissen sei das Problem, sondern die Bedingungen seiner Abrufbarkeit im Alltag – Stress, Erfahrung und fehlende Reflexionsräume.
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